Roman

Professor Lear von Joachim Zelter

Da dachte man immer, er wäre aus der Universität und aus dem akademischen Leben nicht wegzudenken! Große Werke wurden nach seiner Verabschiedung von Professor Helmut Eiger erwartet, der vor Plänen für seinen Ruhestand strotzt. Doch es kommt anders. Der akademische Betrieb kommt gut ohne ihn zurecht. Sein langerwartetes Platonbuch wird nicht in gewohnter Form rezeptiert und weitere Buchprojekte über Schmerz und Tod mehr oder weniger höflich angelehnt. Das Telefon steht still, die Schreibmaschine klappert immer seltener und die Worte kommen ihm mehr und mehr abhanden. Erst die Worte, dann die Erinnerung. Der Abschied aus der akademischen Welt entpuppt sich als Abschied aus dem Leben, denn eine private Welt, an der er andocken konnte, hat er nicht. Er hat jeden Kontakt verloren, den zu seiner Enkelin, von der wohl keine akademischen Weihen zu erwarten sind, und auch den zu seiner Frau, deren Leben und soziales Umfeld von seiner Stellung abhing.

Joachim Zelter beschreibt, vielleicht gerade durch den sachlichen Ton, zu tiefst berührend, wie ein Riese stürzt. Wie sein Abstieg ins Vergessen und Vergessenwerden sich auf sein Umfeld auswirkt. Für die Enkelin bewirkt es eine Befreiung von den Lesitungsansprüchen des Großvaters. Die Ehefrau wiederum, verliert den Mann, an dessen Seite sie viele Jahre gestanden hat und dessen Stellung auch ihr Leben bestimmte. Es ist ein schmales Buch, doch ein Schwergewicht, dass sich trotz der Ernsthaftigkeit der Thematik leicht lesen lässt. Unbedingt empfehlenswert.

Professor Lear von Joachim Zelter, Kröner Verlag, ISBN 978-3-520-76601-4, Preis: 22,00 €

Karin Braun, Autorin, Herausgeberin, Literaturbloggerin - kurz, sie macht was mit Worten … und mit Fotos ... und mit Tarot.

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