Mal so

Wenn plötzlich alles anders ist

Theoretisch weiß ich natürlich, dass von einem Moment auf den anderen alles ganz anders sein kann. Doch letzten Montag bekamen wir eine Ahnung davon, wie schnell es gehen kann. Viktor hatte auf einmal massive Gedächtnislücken und war desorientiert. Er selbst beschrieb es so: Ich fühle mich, als wenn ich in einem Paralelluniversum gelandet wäre. Da das ja auch leicht ein Schlaganfall hätte sein können, sind wir in die Uniklinik gefahren. Um es gleich zu sagen, nach fünf Stunden Untersuchungen wussten wir, dass das nicht der Fall war. Allerdings blieb ja die Tatsache, dass er deutlich neben sich stand, also wurde er für drei Tage in die Tagesklinik eingewiesen. Daily Care Unit heißt es natürlich auf neudeutsch. Dort ging es denn um eine Demenzdiagnostik.

Am Dienstagmorgen war er wieder völlig normal, aber wir entschlossen uns, es trotzdem abklären zu lassen. Wir sind also in die Uniklinik in besagtes Day Care Unit und hier war ich es, die komplett den Überblick verlor. Alles sehr weitläufig, vieles was erledigt werden muss, geht über Terminals und das ganze Gebäude scheint so eine Mischung aus Shopping-Mall und Klinik zu sein … ach ja, und Baustelle. Denn vieles ist noch nicht fertig. Irgendwann waren wir da, wo Viktor hinsollte und die Untersuchungen begannen. Da er gut zurecht kam, bin ich gegen Mittag nach Hause. Während der Patient sich wunderbar zurecht fand, sofort begriff wo das Gebäude für das EEG war und so weiter, war ich komplett überfordert. Gestern wurde ein MRT gemacht und heute soll es noch kleinere Untersuchungen geben, da Viktor eine Nervenwasseruntersuchung abgelehnt hat. Dann das Abschlussgespräch.

Viktor ist 72 Jahre alt und zum Erstaunen der Ärzte körperlich in Topform. Wahrscheinlich ist auch in seinem Oberstübchen nicht so viel durcheinander, wie befürchtet. Aber diese Episode hat mir Angst gemacht und gezeigt, wie fragil alles ist. Wir sind sehr glücklich miteinander, haben eine gutes Leben, auch wenn es materiell immer eng ist. Doch wie Viktor sich plötzlich nicht mehr an Sachen erinnern konnte, die selbstverständlich sind, war es erschreckend. Denn was würde es für uns bedeuten, wenn es eine Demenz wäre? Er könnte sicher nicht in seiner Wohnung bleiben. Wie lange würde es dauern, bis er anfing mir zu misstrauen, wenn unsere Erinnerungen auseinanderklaffen? Wieviel „uns“ gäbe es noch? Wir haben also eine Erinnerung erhalten, uns über jeden Tag zu freuen.

Mein Name ist Karin Braun, lebe in Kiel, arbeite als Autorin, Herausgeberin, Literatourbloggerin und Übersetzerin - also kurz: ich mach was mit Worten.

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