Stricken

Lösen

Vorletztes Jahr habe ich einen Pullover gestrickt, der viel zu groß wurde, weil ich zu faul war richtig zu messen und eine Maschenprobe zu machen. Um das viel zu groß zu beschreiben: Er hätte sich als Abdeckplane fürs Auto geeignet. Da ich ihn einfach nicht sehen konnte, habe ich ihn einfach in einen Schrank, an den ich nicht so oft gehe, gesteckt und gehofft, dass ich ihn vergesse. Das hat nicht geklappt. Seit ich meinen aktuellen Winterpullover fertig gestrickt habe, denke ich dauernd an das Teil. Es ließ mir einfach keine Ruhe. Also habe ich ihn herausgekramt.

Seit zwei Tagen war ich nun am Aufröpeln, eine Arbeit vor der mir graute. Doch während ich röpelte, entknotete und wickelte, stellte ich fest, dass es eine wundervolle meditative Beschäftigung ist und mir wurde auch klar, was damals schief gegangen war. Über den orangenen Pullover habe ich sehr viel nachgedacht, habe mir eine Anleitung besorgt, diese auf meine Größe umgerechnet und mir richtig Mühe gegeben. Auch als mir zwei Stricknadeln abbrachen und ich mühsam Maschen retten muss, bin ich nicht verzweifelt. Ich habe während der Arbeit immerzu daran gedacht, wie er mich wärmen wird. Wie die Farbe meine Laune in der grauen Zeit heben wird und so weiter.

Als ich die Autoabdeckplane strickte, war das nicht so. Ich habe grob geschätzt (mich gewaltig verschätzt) und losgelegt, meine Gedanken waren permanent woanders, trieben sich überall herum, waren nur nicht da wo sie sein sollten. Im Hinterkopf war immer, es ist ja nicht schlimm, wenn es nichts wird, ist ja nur so eine Billigwolle. Statt mich nun darüber zu ärgern, dass ich so blöde war, begann ich mir während des Aufröpels bewusst zu werden, wie sehr ich die Farbe der Wolle mag und wie weich sie ist und dass sich bestimmt etwas Schönes daraus machen lässt. Nun habe ich alles aufgewickelt und in meinen Strickkorb getan und bin am Planen, was es werden wird.

Stricken hat viel Ähnlichkeit mit dem Wirken eines Zaubers. Man hat eine Vorstellung, macht sich ein Bild, besorgt sich, was man für die Umsetzung braucht, hofft auf gute Geister, die den Vorgang begleiten und legt los. Doch wenn man nicht konzentriert und in Verbundenheit ans Werk geht, hat man entweder ein Strickstück, dass man irgendwo verstecken möchte oder ein Kräuterbündel, dass sich falsch anfühlt. In beiden Fällen hilft nur eines. Es auflösen und neu anfangen.

Mein Name ist Karin Braun, lebe in Kiel, arbeite als Autorin, Herausgeberin, Literatourbloggerin und Übersetzerin - also kurz: ich mach was mit Worten.

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