Mal so

Reflexionen und Veränderungen

Chilli ist eine Möglichkeit dem Leben Würze zu verleihen. Eine weitere ist es sich vielseitig zu interessieren, teilzunehmen und wenn Veränderungen nötig sind, diese ohne großes Trara anzugehen. Sie als Abenteuer zu betrachten und nicht als Strafe. Eine der größeren Veränderungen in meinem Leben, war das Ablegen meiner Schutzschicht. Ich meine damit, dass ich mir einen Speckmantel als Schutz angefressen hatte. In meiner schlimmsten Zeit wog ich 165 kg! War ich frustriert, aß ich! Hatte ich Angst, aß ich! Wurde mir bewusst, wie leer meine damalige Beziehung geworden war, aß ich! Eine abendliche Naschschüssel hatte schon mal leicht so um die 10000 Kalorien. Das Ergebnis Bluthochdruck, Asthma und Gelenke die mich kaum noch tragen konnten. Ich beschloss etwas zu verändern und begann mit mehr Bewegung und mehr Obst statt Erdnussflips. Meine ersten Spaziergänge dauerten ungefähr 10 Minuten, heute (und ich bin immer noch stark übergewichtig) laufe ich leicht 2 – 3 Stunden am Stück! Nach einem Vierteljahr konnte ich die Medikamente wegwerfen, war zwar immer noch zu fett, aber soweit den 2. Schritt zu machen. Ich suchte mir eine Arbeit. Mit dem Einkommen war es möglich mir eine eigene Wohnung zu suchen und im nächsten Schritt, mir klar zu werden, was ich wirklich wollte. Zu dem Zeitpunkt wog ich 135 Kg. Und das blieb auch einige Zeit so.

Während ich mir ein neues Leben aufbaute begleitete mich ein Satz:

Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber ich weiß, dass es anders werden muss, damit es gut werden kann.“

Ich habe keine Ahnung, wer diesen Satz zuerst gesagt hat. Wer auch immer es war: Danke! Es war nun beileibe nicht so, dass auf einmal alles bestens war. Zwar lebte ich nun in einer stabilen Beziehung und arbeitete in meinem Traumberuf, aber es gab auch viel Gegenwind und den gibt es auch noch. Schlank war ich immer noch nicht und irgendwann hatte ich mich auf: Wenigstens nicht mehr zunehmen! geeinigt.

Langsam wog ich „nur“ noch 120 kg und machte mir ehrlich gesagt, keinen großen Kopf darum. Der heilkundige Mann hatte ein Auge auf meine Gesundheit und bescheinigte mir, dass alles im grünen Bereich ist. Als ich mit dem Intervallfasten begann, war es nicht so sehr, dass Abnehmen das Hauptziel war. Es sprach mich an und es entprach mir. Ich esse nicht gerne morgens sofort nach dem Aufstehen und zwei Mahlzeiten reichen mir. Die fielen allerdings nach wie vor ziemlich reinlich aus. Doch seit einigen Wochen hat sich wieder etwas verändert. Oft frühstücke ich nur noch und esse abends etwas Obst. Oder, wenn es etwas Warmes gibt, ist meine Portion auf ein Drittel der vorherigen Menge geschrumpft. Neulich war ich seit langem mal wieder auf der Waage und siehe, ich bin bei 115 kg angekommen!

Nun kann man sich natürlich fragen, wie ist das magere Mädchen der Teenagerjahre, jemals so fett geworden: Nun, einmal liegt die Veranlagung dazu in der Familie, aber es gibt auch eine weitere Erklärung: Sexuelle Übergriffe in meiner Lehrzeit (dem Leiter des Einkaufs habe ich den kleinen Finger gebrochen, als er mich über den Schreibtisch drückte), zwei Vergewaltigungen und der eine oder andere Hinweis von Menschen, an die ich mich um Hilfe wandte, mich mal nicht so anzustellen und was ich denn erwarten würde, wenn ich mich so provokativ anzog (Jeans und T-Shirt trug ich in der Regel). Mal ganz zu schweigen von Kommentaren über meine Brüste, meinen Hintern und wie ich wohl zu vögeln wäre. Ich glaube, irgendwann dachte ich, der beste Schutz ist eine ordentliche Speckschicht. Obwohl dachte, würde eine Reflexion voraussetzen, zu der ich damals gar nicht fähig war. Dazu kam noch, dass die Frauen meiner Familie mütterlicherseits, sich etwas in den Mund stopften, wenn sie glaubten schreien zu müssen. Meine Mutter hielt ihr Gewicht mit Abführmitteln und meine Tante hatte ein enges Verhältnis zu ihrer Kloschüssel, besonders nach dem Essen.

Mein Weg fast 50 kg abzunehmen hat über 20 Jahre gedauert. Es war keine Diät, einfach ein Weg auf dem einige Wunden geheilt sind und ich denke, ich werde weiter in meinem Tempo vorangehen.

Mein Name ist Karin Braun, lebe in Kiel, arbeite als Autorin, Herausgeberin, Literatourbloggerin und Übersetzerin - also kurz: ich mach was mit Worten.

8 Kommentare

  • birgit

    yessssss
    statt zu schreien was in den mund stopfen
    ich kenne es nur zu gut
    alles gute auf deinem weg den panzer zu schrumpfen
    umarm und allerliebste grüße

  • Siri

    Beeindruckend, liebe Karin!! Ich wünsche dir, dass du den Weg genauso weitergehst, einfach gesund isst und dich bewegst – mit dem Kopf und dem Körper. Aber das tust du ja sowieso … Ein schönes Wochenende, liebe Grüße Siri

  • Gudrun

    Ich ziehe den Hut vor dir ob deiner Offenheit über all diese Dinge in deinem Leben zu schreiben. Ich denke, sie alle selbst erstmal zu reflektieren ist der beste Weg, etwas im Leben zum Guten zu ändern. Und da bist du auf einen richtigen Weg mit einer unglaublichen Ausdauer. Respekt!
    Ich wünsche dir viel Kraft und immer auch mit einer Portion guter Laune, dass du deinen Weg weiter gehen kannst, voller Selbstbewusstsein. Ich wünsche mir, dass du weiter schreibst, deine Freude behältst beim Betrachten der Umwelt, deinen kritischen Verstand behältst und eben die Karin bist, die wir kennen.
    Ach, hoffentlich habe ich die richtigen Worte gefunden.
    Liebe Grüße von hier unten.

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